Früher die liebliche Nachtigall – heute die gemeine Amsel?


In der Schweiz brüten 210 Vogelarten, in ganz Europa 500. Welche dieser Arten würden Sie ihres Gesanges wegen auf eine einsame Insel mitnehmen? In den Antworten auf diese Frage zeigt sich: Welche Klänge wir als angenehm und schön empfinden, hat viel mit gelebter Gewohnheit und geteilten Lebensräumen von Menschen und Vögeln zu tun.


Patricia Jäggi


14.01.22


Wenn mich neue Bekanntschaften danach fragen, was ich beruflich mache, sage ich, ich sei Forscherin. «Und was forschst du?», kommt dann gerne postwendend die Frage. «Ich interessiere mich dafür, was Vogelstimmen heute für Menschen bedeuten.» – «Warum Vögel und nicht andere Tiere?» Darauf antwortete ich einmal mehr spontan als wohl überlegt: «Weil Vögel überall um uns herum sind, dies im Gegensatz zu Walen und Walgesang.» Dieses gemeinsame Bewohnen von Lebensräumen zeigt sich für die Beziehung zu Vögeln als einiges relevanter, als ich im März 2019 zu Beginn des vierjährigen Forschungsprojekts «Seeking Birdscapes» gedacht hatte.


Im Rahmen des Projekts haben wir Personen mit besonderer Affinität zu Vögeln danach gefragt, welche drei Vogelstimmen sie auf eine stille, einsame Insel mitnehmen würden. Aufgrund ihrer kulturhistorischen Bedeutung als Klage-, Liebes- und Todesvogel und ihres wunderbaren melodiösen, als unübertrefflich musikalisch empfundenen Gesangs hatte ich erwartet, dass die Nachtigall hier ganz besonders prominent genannt würde. Nun, von 21 Personen, die alle in Mittel- und Westeuropa wohnhaft sind, haben «nur» fünf die Nachtigall erwähnt. Darunter war eine Person aus der Schweiz, die anderen vier sind in Katalonien wohnhaft, wo die Nachtigall noch öfters anzutreffen ist als hierzulande. Hingegen haben zehn Personen die Amsel genannt, sechs Personen würden die Mönchsgrasmücke, fünf den Zaunkönig und ebenfalls fünf den Pirol zur klanglichen Bereicherung ihrer Insel mitnehmen.


Kosmopolitin mit beliebtem Gesang: die Amsel (Foto: Marco Midmore)

Erwartungen, bewusste oder unbewusste, die im Prozess des empirischen Forschens nicht erfüllt werden, sind Stolpersteine, die zum Nachdenken anregen. Von den 28 genannten Vogelarten sind 15 Siedlungsbewohner (54%). Wenn man die Habitatspräferenzen der fünf beliebtesten Vögel ansieht und zusätzlich die weiteren fünf Vogelarten einbezieht, die mehr als eine Nennung erhielten (Singdrossel, Stieglitz, Mauersegler, Uhu, Waldkauz), zeigt sich, dass von diesen zehn Vogelarten sieben in Siedlungen vorkommen, zwei im Laub- oder Gebüschwald (Nachtigall und Pirol) und einer, der Uhu, sich fast überall ausser im dichten Wald und in Siedlungen bewegt. Scheinbar tendieren wir dazu, besonders die Vögel zu mögen, die mit uns wohnen – so man den eigenen Garten, den Innenhof, die Baumallee vor dem Haus oder gar Naherholungsgebiete wie Wälder zum eigenen Bewohnten dazuzählt.


Vom Habitat, dem Wohnen, zum Habituellen, der Gewohnheit, ist es ein kurzer Weg.

Beim Blick in die Vergangenheit stellt sich die Frage: Könnte die Beliebtheit der Nachtigall im 19. Jahrhundert daran gelegen haben, dass damals diese singende Dichterin und die Gebüschwälder, in denen sie haust, einen Teil der Wohn- und Agrikultur ausmachten, die mit der Industrialisierung verloren gingen? Im Gegensatz zur Nachtigall mit ihrem massiven Lebensraumverlust hat die Amsel expandiert. Sie hat sich von einer damals scheuen Waldbewohnerin zu einer Kosmopolitin gemausert, die nun genauso in Städten, Agglomerationen und Dörfern wie in Wäldern wohnt.


Die Amsel hat sich dabei nicht einfach durch ihren angenehmen Gesang, sondern mitunter vielmehr durch ihre angepassten Habitatspräferenzen in unsere Hör- und Empfindungskultur einschreiben können. Vom Habitat, dem Wohnen, zum Habituellen, der Gewohnheit, ist es ein kurzer Weg – und Kultur, so könnte man mit Nachtigall- und Amselgesang behaupten, ist vielleicht doch vielmehr gelebte Gewohnheit als uns Forschenden manchmal lieb ist. Nichtsdestotrotz wurden von den Befragten auch einige aussergewöhnliche und seltene Vögel genannt, darunter der Bienenfresser, die Rohrdommel und der Sepiasturmtaucher – schon mal gehört?


Zwei-Minuten-Minicast mit Vogelstimmen für die einsame stille Insel

(Konzept und Stimme: Patricia Jäggi)



Credits Field Recordings:

Amsel, Stephan Risch (xeno-canto.org XC635192)

Mönchsgrasmücke, David Marques (xeno-canto.org XC56784)

Pirol, Andreas Gnensch, Tierstimmenarchiv, Museum für Naturkunde Berlin

Zaunkönig, Marie-Lan Taÿ Pamart (xeno-canto.org XC474428)

Nachtigall, Peter Boesmann (xeno-canto.org XC270349)

Bienenfresser, Gerard Olivier (xeno-canto.org XC555145)

Rohrdommel, Yannick Jacob (xeno-canto.org XC414856)

Sepiasturmtaucher, Aurélien Audevard (xeno-canto.org XC375449)

Elektromagnetische Klänge (Intro und Outro), Patricia Jäggi