«The Future is Blinking» im Museum Rietberg

Das Museum Rietberg hat sich in den vergangenen Jahren systematisch dem Thema Fotografie gewidmet und dabei vor allem seine historischen Bestände in den Kontext der ethnographischen Sammlungs- und Wissensgeschichte gerückt. Jetzt geht es dank der 2020 übernommenen Sammlung Geary weit darüber hinaus. Die kleine, aber gewichtige Ausstellung «The Future is Blinking. Frühe Studiofotografie aus West- und Zentralafrika» leistet nicht weniger als eine Neuerzählung der globalen Geschichte der Fotografie – eine Entdeckung, die Spuren hinterlassen wird.


Bernhard Tschofen


01.06.2022

 

«Neulich im Museum» ist eine neue Kolumne von «das bulletin. Für Alltag und Populäres.» Sie will den kulturwissenschaftlichen Blick auf die Institution Museum und das populäre Medium Ausstellung schärfen und dem nach wie vor vernachlässigten Genre der Ausstellungskritik einen Platz geben. Dazu erscheinen in loser Folge knappe Berichte von Besuchen in kleinen und grossen Museen des In- und Auslands, sichtbaren und weniger sichtbaren, solchen mit deutlicherem Bezug zur Kulturwissenschaft des Alltags und auch solchen, bei denen sich dieser nicht auf den ersten Blick erkennen lässt. Folge 2: Ein Besuch im Museum Rietberg in Zürich.

 

Selten hat man nach dem Besuch einer Ausstellung das Gefühl, nicht nur viel gesehen, sondern auch viel Neues erfahren zu haben. Dass es dazu gar nicht viel Inszenierung und technischen Aufwand braucht, ja dass dafür rund 100 Quadratmeter Ausstellungsfläche in den – in der Museumsarchitektur allerdings bis heute wohl unübertroffenen – unterirdischen Räumen des 2007 eröffneten «Smaragd» genügen, liegt am gezeigten Material, seiner sorgsamen Analyse und der straken Geschichte, die es zu erzählen vermag. Das Museum Rietberg zeigt in seiner Ausstellung mit dem schönen Titel der blinzelnden (oder zwinkernden) Zukunft erstmals Ausschnitte aus der 2020 erworbenen, 5.500 Objekte aus mehr als hundert Jahren afrikanischer Fotogeschichte umfassenden Sammlung der deutsch-amerikanischen Anthropologin und Fotohistorikerin Christraud M. Geary. Sie erlauben eine echte Entdeckung.


Den Schatten sichern, bevor er verblasst: innovative Geschäftsleute

Die Ausstellung – ihr Titel folgt einem Zitat des ghanaischen Fotografen Philip Kwame Apagya im Film Future Remembrance (1997) – erzählt die Geschichte der bereits um 1860 erblühenden Fotokultur an der Küste Westafrikas und ihr Fortleben im 20. Jahrhundert. Sie unternimmt dies aus einer nichtwestlichen und nichtkolonialen Perspektive, was kein leichtes Unterfangen ist und angesichts der vielfältigen Verflechtungen mit dem exotischen Bilderhunger des globalen Nordens nach sorgfältiger Dekodierung verlangt. Hier zeigt sich der Wert fotohistorischer Expertise, die auch sekundäre Quellen wie die Zeitungsanzeigen der städtischen Fotografen in den aufstrebenden Hafenstädten und ihre selbstbewussten Stempel auf den Reversen verfolgt: Mit dem Slogan «Secure the Shadow ere it Fades» bewirbt etwa ein Fotograf 1900 in Lagos seine Kunst – wie die meisten gehört er der mobilen heimischen Elite an und bietet seine Dienste als Wanderfotograf, ausstaffiert mit allerlei Hintergründen und oft auch Schmuck und Kostümen, in einem weiten Umkreis an.


Sinnfällig gestalteter Eingangsbereich: Die Skulptur des britisch-nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare (*1962) gibt das Motto vor – Fotogeschichte Afrikas aus nichtwestlicher Perspektive. (Foto: Bernhard Tschofen)

Die unzähligen Fotografen waren aber auch gute Geschäftsleute und riskierten das Spiel mit zirkulierenden Bedeutungen. Für ein koloniales Publikum und den europäischen Markt boten sie die Aufnahmen ihrer afrikanischen Klientel mit verallgemeinerten Bildtiteln an. Aus der Familienfotografie wurden nun «Types», Portraits zur Darstellung von «Häuptlingen» oder «Frauengestalten» – hier, wie die Ausstellung exakt herausarbeitet, besonders eklatant verbunden mit einem Wechsel vom Subjekt zum Objekt: Die jungen Frauen vor der Kamera sind nun eine «Groupe d’Indigenes» und bedienen westliche Sehnsüchte.


Moderne Adaptionen traditioneller Konzepte: ästhetische Konventionen

Es ist ein Verdienst der von der Ethnologin und Fotoexpertin Nanina Guyer kuratierten Ausstellung, dass sie an diesem Punkt nicht haltmacht. Im Gegenteil, die eigentliche Entdeckung beginnt hier erst, weil die Arbeitsweisen der Wanderfotografen kontextualisiert und ihr Spiel mit Moderne und Tradition systematisch vermessen wird. Wie Stoffe und ihre Muster auch schwarzweissen Fotografien Rhythmus und – im wahrsten Sinne – Farbe verleihen können, gehört ebenso dazu, wie die Auseinandersetzung mit unerwarteten Geschlechterbildern und Abbildungstraditionen.


Auch eine Ausstellung über Hintergründe (und was sie zwischen Wellblech, Textilien und europäischen Versatzstücken zu leisten vermögen): Kollektion von Postkarten mit Motiven aus der Ausstellung. (© Museum Rietberg Zürich, Sammlung Christraud M. Geary)

Nur wenn man diese Fotografien nicht von der Malerei her denkt wie in Europa, sondern die Konzepte von Symmetrie (der Zwilling) und vollständiger Person der westafrikanischen Plastik vor sich hat, erschliessen sich die gespiegelte Anordnung vieler Aufnahmen und die ins Bild gesetzte Familienhierarchie. Eine schlichte Medienstation bietet die Möglichkeit, tiefer in den Bestand einzutauchen – mit der Gefahr sich darin auf Stunden zu verlieren. Auch die engeren «sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie» (P. Bourdieu) kommen nicht zu kurz. Ein Glanzlicht bildet hier das Genre der «Debütantinnen», ein besonders in Sierre Leone um 1905/10 verbreiteter «Portraitritus» heiratsfähiger junger Frauen in idealen Schönheitsposen. Daneben spielt freilich vor allem die Erinnerungsfunktion eine zentrale Rolle. Ihr widmet sich die Ausstellung aus verschiedenen Perspektiven, rückblickend, aber auch vorausschauend im Sinne der Sicherung überdeckter und in der Diaspora verstreuter Erinnerungen.


Das Crowdsourcing-Projekt «Ghana We Dey – Wir sind Ghana» mit grossartigen Aufnahmen aus den Familienalben der Nachkriegsjahrzehnte samt VW Käfer, Minikleid und Schlaghose ist hier ein zentrales Beispiel. Schön, dass am Ende in einer gutgemachten Videoinstallation auch noch ausführlich afrikanische Experten zu Wort kommen und mit ihren Kommentierungen und Einbettungen von Alben und Fotografien in die Lebenswelt ihrer Eltern und Grosseltern und eine genuine Populärkultur der Rolle der «blinzelnden Zukunft» in ihrem Kampf gegen den Afropessimismus Präsenz verschaffen. Und noch schöner, dass zumindest am Tag des Besuches das Publikum im Museum Rietberg mit etlichen People of Color erfreulich divers war: eine intelligente Ausstellung und ein wichtiger Beitrag zu einer inklusiven globalen Fotografiegeschichte.

Schlüsselexponat der Ausstellung: Händlerfamilie aus Jacqueville (heute: Cote D'Ivoire) hat sich 1902 in tradierter Manier symmetrisch ablichten lassen. Der Rahmen auf dem Tisch enthält eine Fotografie und eine Taschenuhr. (© Museum Rietberg Zürich, Sammlung Christraud M. Geary)

«The Future is Blinking». Frühe Studiofotografie aus West- und Zentralafrika, bis 3. Juli 2022 im Museum Rietberg Zürich, auch mit Führungen besuchbar.