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Ohren öffnen


Das Sehen gilt als bedeutendster Sinn. Dies zeigt sich gerade in der Wissenschaft und ihrer Denk- und Sprechtradition. Begriffe wie Theorie, Evidenz und Phänomenologie haben ihre etymologischen Wurzeln alle im Visuellen. Unserem auditiven Bezug zur Welt fehlen hingegen die Worte. Einem im (Forschungs-)Alltag bewussteren Hinhören steht dieses Defizit aber nicht im Wege.



30.01.23


Vor Kurzem im Café im Volkshaus in Zürich: Mein Feierabendtee-Gspändli muss plötzlich los und ich sitze noch etwas alleine da, da fragt mich einer meiner Tischnachbarn, mit denen wir vorher schon kurz gescherzt haben, etwas ziemlich Unerwartetes: Wie würden Sie das Atmen eines Wales beschreiben?


Ich muss etwas überlegen. Keine einfache Frage. Obwohl ich in Island im Sommer 2022 bei der Überfahrt vom Naturschutzgebiet Hornstrandir nach Isafjördur sogar Buckelwale angetroffen habe. Und natürlich kenne ich auch von Tierdokus diese ganz eigenen Ausschnaufgeräusche von Walen. Ich suche nach Worten für die in meinem Inneren memorierten Klänge.


«Speziell daran ist, dass Wale sehr bestimmt und plötzlich auspusten, ohne Vorwarnung, und dass dieser Druck bleibt. Es ist also kein langsam stärker und wieder schwächer werdendes Ausatmen wie bei Menschen. Sondern plötzlich und bestimmt. Und dann bleibt dieses starke und verhältnismässig auch recht tiefe Geräusch länger, als man es erwarten würde. Wenn ich so lautstark und mit so viel Luft ausatmen würde, dann ist meine Lunge nach wenigen Sekunden leer. Bei Walen bleibt dieser Strom hörbar. Man hört in ihrem Ausatmen ihr unglaubliches Körpervolumen mit.»


Meine Tischnachbarn schauen mich etwas erstaunt, aber auch beipflichtend an. Und genau das fände ich speziell, führe ich weiter aus. Denn bei Elefanten etwa, die auch ein ziemliches Körpervolumen hätten, wäre dies für mich nicht so hörbar. Irgendwie scheinen meine Tischnachbarn meinen Eindruck teilen zu können.


Wie würden Sie das Atmen eines Wales beschreiben?


Das Wie des Hörens

Diese Begegnung blieb in meinem Gedächtnis haften, denn sie führte mir wieder einmal vor Ohren, dass es nicht nur nicht einfach ist, Klänge zu beschreiben, sondern auch Klänge überhaupt richtig zu hören und später zu erinnern. Seitdem ich mich mit dem Hören beschäftige, rücken für mich neben der Frage, was wir hören, auch die Frage, wie wir hören, und damit auch das Überhören und Nicht-Hören in den Fokus.


Das Wie des Hörens, das Überhören, das Nicht-Hören als blinde Flecken, die ich in den Fokus rücke? Unsere Sprache kennt sehr viele visuelle Metaphern, aber kaum akustische, olfaktorische oder taktile. Das scheint auf den ersten Blick (!) nicht weiter schlimm. Dennoch kann man sich fragen, ob ein Mangel an verbalen Ausdrücken nicht weitere blinde Flecken produziert, da wir uns als Wissenschaftler:innen in den allermeisten Fällen in geschriebener Sprache ausdrücken. Die Klangforschung versucht deshalb stets, dem Sound in einer visiozentristischen, also visuell dominierten Kultur zu seinem Existenzrecht zu verhelfen.


Kulturelle Wahrnehmungsfilter

Ob sich dieses sprachliche Defizit in Bezug auf den Hörsinn und die Klänge auch auf unsere Existenz- und Wahrnehmungsweisen in der Welt niederschlägt, darüber kann man lange spekulieren. Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty hat sinngemäss geschrieben, dass Kultur an Wahrnehmungstraditionen gekoppelt ist, dass sie aus Wahrnehmungsfiltern entsteht. Diese Überlegung kann man auch auf die Hierarchie der Sinne anwenden, auf die blinden oder eben tauben Flecken.


Partielle Taub- und Blindheiten machen insofern «Kultur» aus, als das Ausgeschlossene, Nicht-Wahrgenommene letztlich das Eingeschlossene, das Wahrgenommene, das Gehörte, Gesehene erst konturiert und abgrenzbar macht. Dabei – und das könnte auch etwas die Krux an dem Ganzen sein – ist uns in Bezug auf die sinnliche Wahrnehmung oft nicht einmal bewusst, dass wir kulturelle Filter auf unseren Ohren wie auf all unseren Sinnen haben. Mir jedenfalls war nicht bewusst, dass meine sinnliche Wahrnehmung von antrainierten Mustern geprägt ist, bevor ich mich vertiefter mit dem Hören, der Wahrnehmung der Welt, der sinnlichen und auditiven Anthropologie beschäftigt habe. Die Sinneswahrnehmung ist doch einfach etwas Biologisches, nahm ich an.


Wir haben beim Hören die unglaubliche Fähigkeit, uns auf etwas zu fokussieren, zum Beispiel einer Stimme in einem Stimmenwirrwarr an einem Apéro zu folgen. Dieses fokussierte Hören und die Flut an Geräuschen unseres urbanen Lebensstils führen dazu, dass wir uns antrainieren, mehr weg- denn hinzuhören, oder unsere Ohren mit Kopfhörern abzublocken von der realen Umgebung, um sozusagen einen eigenen akustischen safe space oder comfort space zu kreieren.


Über bestimmte Hörübungen, also auditive Trainings und Sensibilisierungen, kann versucht werden, sich über solche kulturellen Wahrnehmungsfilter, Muster und Traditionen des Hörens hinauszubewegen, um nicht nur aufmerksamer, sondern auch inklusiver zu hören. Dies birgt die Chance, im Alltag auch Dinge zu hören, die wir sonst überhören, wie beispielsweise eher leise, die Aufmerksamkeit keinesfalls erhaschende Geräusche, etwa das Geräusch der Blätter, die im Herbst auf den Boden fallen. Offener hinzuhören kann auch bedeuten, wieder mehr in Kontakt mit unserer unmittelbaren Umwelt zu kommen, in der wir uns tagein tagaus bewegen. Es kann auch Momente des Präsentseins im Hier und Jetzt ermöglichen – etwas, das die Grundlage vieler heutiger Meditations- und Mindfulness-Praktiken bildet. Da Klänge aufgrund ihrer Ephemerität, also ihrer Flüchtigkeit, immer im Moment passieren, ermöglicht uns dieser Sinn wie kein anderer, im Jetzt anzukommen und vielleicht beim Zuhören sogar einen Moment zu entspannen.


Du kannst dies gerne selber einmal versuchen, indem du folgende Hörübung ausprobierst, zum Beispiel am Arbeitsplatz als kurze Pause, auf einem Spaziergang oder beim Warten auf Tram, Bus oder Zug:

Schliesse die Augen und versuche das Geräusch zu hören, das am weitesten weg von dir ist. Von diesem Geräusch aus versuche langsam näher zu kommen, alle Klänge abzuscannen, bis zu den ganz nahen Geräuschen des eigenen Körpers, des Atems, des Pulses.

Im nächsten Teil der Doppelkolumne über den Hörsinn geht es mitunter darum, was solche Höranleitungen mit dem Hören als «Sinn der Teilhabe» zu tun haben.





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