Musik: Editorial

«Let’s listen!» Als im späten Herbst 2020 das öffentliche Leben aufgrund der «Zweiten Welle» schrittweise wieder eingeschränkt wurde, haben die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Kirill Petrenko ihr letztes Konzert mit Publikum um ein Werk ergänzt: «4‘33‘‘» des amerikanischen Komponisten John Cage.


Das Werk ist eine Anweisung von Cage an die Interpret*innen, ihre Instrumente während vier Minuten und 33 Sekunden ruhen zu lassen und einen Zeitraum zu öffnen, über Musik, Klang und Stille nachzudenken. Die Musiker*innen wollten mit dem auf die Bühne gebrachten «Schweigen» auf die erneut stillgelegte Kultur und die damit verbundene prekäre Situation von vielen Kulturschaffenden aufmerksam machen.



Ob Weihnachtslied oder Stadionhymne, Chorstück oder Rap Song, Cumbia oder Postpunk – Musik in all ihren Formen, Genres, Macharten, Materialitäten und Klangeigenschaften lässt uns nicht nur in bestimmte Stimmungen kommen, sondern ist auch ein Ausgangspunkt fürs vielschichtige Nachdenken und Fragenstellen – immer abhängig davon, wer zu welchem Zeitpunkt und in welchem Kontext Musik macht, hinhört, sich die Musik aneignet. So verwandelt sich Cages 1962 komponierte Aufforderung, viereinhalb Minuten über die Bedeutung von Stille inner- und ausserhalb der Musik zu sinnieren, im Kontext der weltweiten Covid-Pandemie zu einem aussagekräftigen Kommentar in aktuellen kulturpolitischen Debatten.


In diesem Themenschwerpunkt geht es ums genaue Zuhören – und da und dort auch mal ums Hinschauen. Die Autor*innen, die hier in den kommenden Wochen ihre Texte veröffentlichen, führen in verschiedene Klangwelten ein und entwickeln dort kulturwissenschaftliche Fragen.