Dawn Chorus der Stadt


Wie gut kann man die Vögel mitten in der Stadt hören? An einem Sonntagmorgen starte ich vor Sonnenaufgang zu einem Ausflug in den Alten Botanischen Garten Zürich, um die erwachenden Vögel aufzunehmen – und werde dabei nicht nur von einem tierlichen, sondern auch von einem ungewöhnlichen menschlichen Chor überrascht, wie in der Klangkomposition zur Kolumne zu hören ist.


Patricia Jäggi


22.04.22


Städte werden heute besonders aufgrund motorisierter menschlicher Aktivitäten noch immer als lärmige Orte wahrgenommen. Die Stadt hat in Forschungen im Bereich der klanglichen Ökologie daher keinen einfachen Stand. Sie wird tendenziell als dystopischer Klangraum gehört, in welchem die Anthrophonien, die menschgemachten Klänge, Überhand nehmen. Insbesondere die Technophonien – Geräusche von Maschinen, Motoren, Industrie und Infrastruktur – übertönen und maskieren alle anderen Klänge.


Vögel reagieren auf diese menschlich geprägten urbanen Klangumwelten. Der Verkehrslärm mit seiner Dominanz an tiefen Frequenzen bringt Vögel nicht nur dazu lauter, sondern auch in höheren Lagen zu singen. Im Vergleich zu ihren Artgenoss:innen ausserhalb sind Stadtvögel zudem Frühaufsteher:innen respektive Frühsänger:innen. Dies hat mit der Lichtverschmutzung zu tun. Und Vogelarten, die sich in der Stadt nicht mehr durchsetzen können, bleiben ihr fern.


In Erwartung einer möglichst anthrophonie-armen Umgebung spaziere ich an einem Aprilmorgen um 5.30 Uhr in den Alten Botanischen Garten Zürich, um den Dämmerungschor der Stadtvögel aufzunehmen. Der Vogelchor beginnt an diesem Morgen Anfang April ungefähr eine Stunde vor Sonnenaufgang. Die frühesten Sänger:innen der Vogeluhr, die die Abfolge der verschiedenen gefiederten Sänger:innen beschreibt, sind noch nicht alle aus ihren Winterquartieren zurückgehrt oder bevorzugen möglicherweise andere städtische Lebensräume, wie es etwa beim Hausrotschwanz der Fall sein könnte. Der vollste und artenreichste Dämmerungschor ist erst im Mai zu erwarten.


Im nordöstlich an den Garten angrenzenden Stadtteil herrscht an diesem Morgen bereits rege Betriebsamkeit: Mülleimer werden emsig geleert, die Strassen geputzt. Ein Mann setzt gar seinen Laubbläser in Gang. Dies irritiert mich. Ich hatte erwartet, dass es in der Stadt an einem Sonntagmorgen früh vor 6 Uhr – mit Ausnahme von Party-Heimkehrer:innen – ruhig sein würde. Mit dem Laubbläser im Ohr muss ich an ein Erlebnis während meiner Feldforschung in Island denken, als ein Nachbar um 1 Uhr nachts im Juni bei Taghelle den Rasen mähte und den sonst schon schwierigen Schlaf ganz unmöglich machte.


Sonnenaufgang im Alten Botanischen Garten Zürich (Foto: Patricia Jäggi)

Der Alte Botanische Garten von Zürich existiert seit 1837 als Stadt- und Forschungspark. Zuvor war das Gelände Teil eines Bollwerks. Heute ist der Garten eine grüne Oase mitten in einem stark bebauten und befahrenen Stadtteil. Im Park treffe ich auf die aktuell frühsten Sänger:innen: Vier Amseln sitzen am Boden und mustern mich, bevor sie sich in die Höhe schwingen zum Singen. Ein Rotkehlchen ist ebenfalls bereits gesanglich aktiv. Im Alpineum-Teil des Gartens hat sich ein Stockenten-Erpel den kreisrunden Miniteich unter die Schwimmhäute gerissen. Diesen möchte er keinesfalls mit mir teilen, was er lautstark kundtut. Er ist, wie auch die Ringeltauben, die jeweils kurz vor Sonnenaufgang zu gurren beginnen, auf der Vogeluhr nicht vertreten, da sich diese auf die Singvögel konzentriert. Im Schein meiner Stirnlampe stelle ich in der Nähe des Teichs unter einigen Bäumen, die mir als Singwarten beliebt scheinen, das Mikrofon auf.


Die Stadt hat mehr Betrieb als ich erwartet habe. Neben den Putzequipen höre ich gar einen Lieferwagen (am Anfang der Klangkomposition hörbar). Bereits erste Trams, gefüllt mit mehr Menschen als ich dachte. Gegen 7.30 Uhr wird es plötzlich sonderbar ruhig. Ich stehe mittlerweile oben auf dem höchsten Punkt des Gartens, einem künstlich angelegten Hügel in der sonst flachen Umgebung, und notiere die Vögel, die ich an jenem Morgen gehört und/oder gesehen habe:


Amseln, mind. 4 Rotkehlchen Buchfink, mind. 2 Kohlmeisen Blaumeisen Zilpzalp Ringeltauben, mind. 2 Turteltauben, mind. 2 Stockenten, männlich, 3 Krähe Stieglitz, 5 Grünfink, 2 Mönchsgrasmücke –> auf Aufnahmen nachhören wie viele sangen, vielleicht auch Gartengrasmücke? Eichelhäher, die Ringeltauben nervend Schwan am Schlafen Zaunkönig Graureiher, im Flug über dem Garten Lachmöwen (?), Gruppe in der Luft, aus Distanz


Noch immer höre ich von der Talstrassen-Seite kein Auto, keinen motorisierten Verkehr. Lediglich ein Tram aus grösserer Distanz. Wo sind nun plötzlich all die Technophonien, die ich von der morgendlich erwachenden Stadt nach Sonnenaufgang erwartet hatte? Erst hinter den schönen, aber Sicht versperrenden Bäumen finde ich Antwort auf die mir merkwürdig erscheinende Stille: Ich sehe Absperrungen und Menschen in leuchtenden Westen und realisiere plötzlich; es ist Zürich Marathon. Die Strassen rund um den Garten sind deswegen zu einem Grossteil für den Verkehr gesperrt.


Die ersten Läufer, alles Männer, treffen kurz nach dem Startschuss um 8.15 Uhr beim Garten ein. Die langsam in ihrer Vielzahl und Dichte abnehmenden Vogelstimmen gehen in die zahlreicher werdenden Menschenschritte über. Diese ungewöhnliche Kombination von Anthrophonie und Biophonie fasziniert mich. So konzentriere ich mich nicht mehr nur auf die Vögel im Park, sondern nähere mich mit meinem Mikrofon Punkt für Punkt immer mehr den menschlichen Lauf- und Atemgeräuschen.


Laufschritte auf Asphalt: Teil einer ungewöhnlichen städtischen Anthrophonie (Foto: Patricia Jäggi)

Ob man beim Gehen seine eigenen Schritte noch hören kann, ist eine etablierte Grösse, um die Klangqualität eines Ortes zu messen. An jenem Morgen hallen die Schritte der vielen Läufer:innen lautstark zwischen den Häusern. Sie werden durch die glatten Oberflächen der Gebäude verstärkt. Diese für einmal völlig neue städtische Anthrophonie bringt mich zum Nachdenken darüber, wie es wäre, wenn wir auch sonst Schritte auf Asphalt in den rhythmisch wie klangfarblich unterschiedlichen Ausprägungen hören könnten. Wie wäre es, wenn alle sich anstatt motorisiert nur noch mit Laufschuhen oder auch Velos durch die Stadt bewegten? Die Stadt würde plötzlich mehr nach einer Turnhalle klingen. Und die Vögel, wie der Zilpzalp und die Ringeltaube, die man an jenem Morgen noch aus einiger Distanz zum Botanischen Garten hören konnte (gegen Schluss der Klangkomposition), scheinen plötzlich lauter und präsenter zu sein, trotz der vielen ungewohnten menschlichen Laute.


Klangkomposition «Dawn Chorus der Stadt»

Die für diese Kolumne erstellte 4-minütige Klangkomposition ist eine Zusammenstellung aus Aufnahmen, die Anfang April zwischen 6.15 und 10.15 Uhr im Alten Botanischen Garten Zürich sowie auf der Talstrasse direkt neben dem Garten aufgenommen wurden. Sie bewegt sich vom Inneren des Parks mit den Vogelstimmen bei Sonnenaufgang in Etappen auf die Talstrasse zu den Läufer:innen, wo die Vögel des Alten Botanischen Gartens nur noch im Hintergrund hörbar sind.



Veranstaltungshinweis

Die Feldforschungen und Field Recordings im Alten Botanischen Garten Zürich werden Teil einer längeren, mehrkanaligen Klangkomposition sein, die im Rahmen des Projekts Sonic Topologies der ETH Landschaftsarchitektur am 26. Juni 2022 im Alten Botanischen Garten gezeigt werden soll.